Mehr zu uns…
Wir beide hatten einen Traum – lange bevor wir uns begegnet sind: Wir wollten bei einem anderen Menschen ankommen…
Beide waren wir eine langjährige Ehe eigegangen, waren beruflich erfolgreich gewesen und hatten Kinder in die Welt gesetzt – Reiner drei Töchter, Christina zwei Söhne. Und beide waren wir in diesen Ehen verhungert: Nicht körperlich, aber seelisch. Hatten uns selbst im Glauben daran, dass wir uns nur genug bemühen müssten, im Glauben an die Liebe verloren.
Aber hatten wir uns denn jemals zuvor schon gehabt? Oder hatten wir nur die von unseren Eltern entleerten Hüllen einfach an den Nächsten weitergegeben – in dessen Obhut in der Hoffnung, er möge sie füllen?
Reiner, nur innerlich Rebell, blieb in Traditionen gefangen, ich, Christina ging den Weg der äußeren Rebellion, blieb aber letztlich zutiefst einsam. Nur meine reiche innerliche und äußere Welt tröstete mich.
Wir beide brauchten erst ein Erweckungserlebnis, um einen anderen Weg erkennen zu können.
Reiners Erweckung geschah durch den viel zu frühen Tod seiner Frau, meine, Christinas, in Gestalt eines anderen Mannes. Für uns beide bedeutete die Erweckung aber erst einmal das Eintauchen in die Sucht: Reiner in die Sucht nach Bestätigung durch viele wechselnde Frauen, Christina durch die Sucht nach diesem Mann, der nicht zu haben war.
Was wie eine Erweckung begann, wurde zur existenziellen Läuterung: Wir mussten uns erst richtig tief in diesen Abhängigkeiten verstricken, bevor wir begriffen, dass wir erst einmal zumindest ansatzweise für uns selbst sorgen, bei uns selbst ankommen mussten, um irgendwo ankommen zu können.
Für mich, Christina, bedeutete das zwei erschöpfende Jahre zwischen Himmel und Hölle, einen durchweinten Sommer in meiner kleinen Wohnung, zwei Stockwerke über meinen Kindern. Die Sonne draußen vor dem Fenster, in mir drin Finsternis. Einsamkeit. Gefühle der Bedeutungslosigkeit und Sinnlosigkeit. Nur meine Jungs, meine Geige und die Musik, an der ich mich festhalten konnte. Ich übte zu fallen.
Was ich aber mitnahm aus dieser Zeit: Dass ich weniger als das, was in der Parallelwelt mit diesem Mann erlebt hatte, nicht mehr nehmen würde. Lieber würde ich allein bleiben.